Archiv für November 2014

5. Broschüre von „Fragt uns, wir sind die Letzten“ erschienen

Die fünfte Broschüre der Reihe „Fragt uns, wir sind die Letzten.” ist erschienen: Sie enthält Interviews mit Überlebenden, die im NS verfolgt wurden und/oder im Widerstand waren. Ihr könnt die Broschüre hier online herunterladen oder als Print-Ausgabe bei der Berliner VVN-BdA bestellen.
Horst Selbiger erzählt im Interview, wie er als „Geltungsjude” von den Nazis verfolgt wurde, in Berlin Zwangsarbeit leisten musste und nur knapp der Deportation ins KZ entging. Diese wurde durch den „Rosenstraßen-Protest” verhindert, bei dem die „arischen” Ehepartner_innen sogenannter Mischehen die Freilassung ihrer jüdischen Familienmitglieder forderten. Selbiger schildert eindrücklich, wie er die Deportation seiner Geliebten erlebte, und wie ihn diese Erfahrung bis heute nicht loslässt.
Die Brutalität des Vernichtungsfeldzugs der Nazis in Osteuropa wird im Interview mit Peter Perel deutlich. Als Kind einer jüdischen Familie erlebte er den Einmarsch der Wehrmacht und die folgenden Massenerschießungen von Juden und Jüdinnen in seinem ukrainischen Heimatdorf. Perel entkam der Ermordung, indem er seine jüdische Identität verbarg, und wurde wie viele Menschen in den besetzten Gebieten in Osteuropa zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Hier überlebte er das KZ Dachau.
Ralf Bachmann wurde als „Halbjude” verfolgt und erlebte die schrittweise Ausweitung der antisemitischen Politik im NS, die schließlich zum Holocaust führte. Er berichtet unter anderem von Boykottaktionen, den Novemberpogromen 1938, von der Deportation seiner Mutter ins KZ Theresienstadt sowie schließlich von der Verpflichtung seines Bruders und seines Vaters zur Zwangsarbeit.
Im Gespräch mit Lore Diehr werden Erfahrungen und Alltag im antifaschistischen Widerstand sichtbar. Sie wuchs als Kind einer sozialdemokratischen Familie auf und musste schon 1933 die Inhaftierung ihres Vaters im KZ Sonnenburg erleben. Der Laden ihrer Mutter entwickelt sich fortan zu einer Anlaufstelle für den Widerstand, den sie mit vielfältigen Aktionen unterstützte.
Die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg war eines der schlimmsten Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion. Dennoch ist sie im erinnerungspolitischen Diskurs in Deutschland kaum präsent. Dorothea Paley überlebte die Blockade als Kind und berichtet im Interview von den dramatischen Zuständen in Leningrad.
Es geht darum, die Perspektiven von Verfolgten und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand zu bewahren und sichtbar zu machen. Der Arbeitskreis „Fragt uns” möchte aus den Erfahrungen der Überlebenden Konsequenzen für unser Denken und Handeln heute ziehen und sich gegen eine Erinnerungskultur einsetzen, die auf ein „unverkrampftes Verhältnis zur Nation” oder die Rechtfertigung deutscher Kriegsbeteiligung abzielt. Die geschilderten Verfolgungs- und Widerstandsgeschichten sind als Appell zu verstehen, sich Neonazis und menschenfeindlichem Gedankengut in der Gesellschaft entgegenzustellen und für emanzipatorische Ideen einzutreten. In diesem Sinne stellt die Broschüre auch eine Aufforderung zum Aktiv-Werden dar.
Wir freuen uns über Rückmeldungen per Mail an fragt-uns-broschuere[at]web.de