Interview in der analyse & kritik

Interview mit dem Ak „Fragt uns, wir sind die Letzten” in der Zeitschrift analyse & kritik in der Ausgabe vom 18.11.2014

Woher kommt ihr? Wie setzt sich eure Gruppe zusammen?
Im Arbeitskreis sind Einzelpersonen aus Berlin, Leipzig und Freiburg aktiv, die das gemeinsame Anliegen teilen, die Stimmen der letzten Überlebenden aufzuzeichnen. Alle sind aus der Generation der Nachgeborenen und auf die eine oder andere Weise antifaschistisch aktiv. Ursprünglich gründeten Aktive aus dem Umfeld der Berliner VVN-BdA und der Antifaschistischen Initiative Moabit [AIM] den Arbeitskreis, jedoch sind inzwischen viele andere Personen dazu gestoßen.

Was hat euch 2010 auf die Idee gebracht, dieses Projekt zu starten?
Als Antifaschist_innen sind wir in unserer politischen Arbeit zunehmend damit konfrontiert, dass Überlebende der NS-Verfolgung sowie Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand sterben. Ihre Stimme besitzt in politischen Debatten ein einmaliges moralisches Gewicht, nicht nur, wenn es um den Umgang Deutschlands mit den NS-Verbrechen geht, sondern auch wenn aktueller Antisemitismus, Rassismus und Sozialchauvinismus, Neonazismus oder auch Kriegspolitik diskutiert werden. Gleichzeitig haben ihre persönlichen Erzählungen eine besondere Wirkung auf uns: Es sind oft die Geschichten aus dem Alltag von Verfolgung und Widerstand, die einen Bezug zu dem komplexen und unbegreiflichen Thema NS und Holocaust herstellen können. Hierbei geht es uns auch immer darum, die Perspektiven von marginalisierten Opfergruppen wie Sinti und Roma, sogenannten „Asozialen” oder als homosexuell verfolgten Menschen sichtbar zu machen. Außerdem wollten wir sowohl den Arbeiter_innenwiderstand zeigen als auch Widerstandsformen dokumentieren, die nicht in das widerspruchsfreie Bild des Helden passen. Gleichzeitig hatten und haben wir besonders über die VVN-BdA auch Kontakt zu vielen Überlebenden, deren ausdrücklicher Wunsch es ist, ihre Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Diesen Wunsch spiegelt ja auch der Titel unserer Broschüre wieder.

Viele der Holocaustüberlebenden wollen oder können über ihr Erlebtes nicht reden. Wie habt ihr eure InterviewpartnerInnen ausgesucht, wie habt ihr sie gefunden und vor allem: Wie habt ihr sie überzeugen können, euch zu vertrauen und mit euch zu sprechen?
Unsere Erfahrungen sind wie schon gesagt andere, viele unserer Befragten wollen von ihren Erfahrungen berichten. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass es ein Grundvertrauen zwischen uns und den Überlebenden geben muss. Wir denken, dass wir gerade über unser antifaschistisches Engagement einen gewissen Vorschuss an Vertrauen bekommen. Nicht zuletzt teilen wir ja mit vielen der Befragten eine antifaschistische Praxis bspw. bei Protesten gegen Naziaufmärsche. Nichtsdestotrotz reagieren Überlebende in Gesprächen natürlich völlig unterschiedlich: Manche berichten eher distanziert und stellen den historischen Kontext dar, andere sind sehr emotional und beginnen zu weinen. Das kann auch innerhalb eines Interviews wechseln. Solch eine Begegnung ist nie bloße Dokumentation, sondern wir haben als junge Antifaschist_innen natürlich auch eine soziale Verantwortung.

Mit welchen Erwartungen seid ihr an die Interviews herangegangen? Und was hat sich für euch danach verändert?
Wir sahen es von Beginn an als eine große Chance, im Land der Täter_innen mit Menschen zu reden, die uns davon erzählen können, wie sie selbst als Betroffene Verfolgung und Widerstand erlebt haben. Daran hat sich nichts geändert, aber wir haben dadurch vieles gelernt: über die Schlüsselmomente, in denen zum Beispiel ein als jüdisch Verfolgter zum ersten Mal merkte, dass er, so wörtlich, „anders war als die Anderen“, über die oft scheinbar banalen Gründe, in den Widerstand zu gehen, über die beeindruckende Ausdauer eines antifaschistischen Engagements bis ins hohe Alter, aber natürlich auch, dass Menschen in einem Satz sehr bewegend von ihren Erfahrungen berichten und im nächsten für uns problematische Analysen der Gegenwart präsentieren. Deswegen gehört für uns zur solidarischen Begegnung auch eine gewisse Distanz zum Erzählten und mal Widersprüche auszuhalten.

Jetzt kommt die fünfte Ausgabe von „Fragt uns, wir sind die Letzten.” In einem der Editorials schreibt ihr, dass es die Möglichkeit der Begegnung schon bald nicht mehr geben wird. Wie kann eine Erinnerungspolitik in Zukunft aussehen. Wie stellt ihr euch perspektivisch eure weitere Arbeit vor?
Das ist eine wichtige Frage, die sich aktuell viele Antifaschist_innen stellen müssen und über die nicht zuletzt im vergangenen Jahr in eurer Zeitung im Vorfeld der geschichtspolitischen Konferenz des AK Loukanikos diskutiert wurde. Unser Projekt gilt erst einmal den Überlebenden des NS. Damit meinen wir nicht nur die deutsche Perspektive: Uns ist es wichtig, auch weiterhin Interviews mit Menschen zu führen, die zum Beispiel in den damaligen besetzten Gebieten verfolgt wurden. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Wir diskutieren darüber, uns mit den Jahren nach 1945 zu beschäftigen. Hier interessieren uns Kontinuitäten des NS in BRD und DDR: Schweigen über den Holocaust, Ausgrenzung von Sinti und Roma oder Homosexuellen, Repression gegen Kommunist_innen, Haltungen zu Israel. Gleichzeitig führen wir schon jetzt zunehmend Interviews mit Menschen, die nicht nur von ihren Erfahrungen als Kinder, sondern auch von der Verfolgung ihrer Eltern berichten. Dies ist ein Hinweis auf die Bedeutung der zweiten Generation für eine zukünftige Erinnerungspolitik.