Allgemein

6. Broschüre von „Fragt uns, wir sind die Letzten“ erschienen

Die sechste Broschüre der Reihe „Fragt uns, wir sind die Letzten” ist erschienen: Sie enthält Interviews mit Überlebenden, die im NS verfolgt wurden und/oder im Widerstand waren. Ihr könnt die Broschüre hier online herunterladen oder als Print-Ausgabe bei der Berliner VVN-BdA bestellen.
Paraskewi Labraki wurde im Jahre 1923 in einem kleinen Dorf auf Kreta geboren, wo sie Zeugin der deutschen Besatzung wurde. Dort erlebte sie als junge Frau die menschenverachtenden Schikanen und alltäglichen Übergriffe der Besatzer. Im September 1943 wurde Paraskewi Labraki Zeugin des „Holocaust von Viannos“ – einer brutalen „Vergeltungsaktion“ der Wehrmacht.
Der für die Massaker auf Kreta verantwortliche General war zuvor bereits am Angriffskrieg gegen die Sowjetunion beteiligt. Was dieser – als „Unternehmen Barbarossa“ titulierte – rassistische Vernichtungskrieg für die jüdische Bevölkerung bedeutete, wird im Interview mit Tomasz Miedziński deutlich. Als Jugendlicher erlebte er den Einmarsch der Wehrmacht in Ost-Galizien, die Mordaktionen der deutschen „Einsatzgruppen“ und die systematische Ghettoisierung und Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Mehrmals gelang ihm die Flucht, ehe er sich einer sowjetischen Partisaneneinheit anschloss.
Noch vor dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion beginnt Adela Żurawskas Narration über den 2. Weltkrieg. Im heutigen Südosten Polens geboren, wurde sie als junge Frau 1940 Opfer der sowjetischen Besatzung. Die sowjetischen Behörden veranlassten ihre Verschleppung in das Gebiet des mittleren Urals, wo sie in einer Kupfermine Zwangsarbeit verrichten musste. Im Zuge ihrer „Amnestie“ schloss sich Żurawska einem Frauenbataillon der 1. Polnischen Infanterie-Division an, in dem sie für die Befreiung Warschaus kämpfte.
Als „Halbjüdin“ von den Nazis verfolgt, erlebte Vera Friedländer die schrittweise Ausgrenzung und Entrechtung von Jüdinnen und Juden im NS von Anfang an. Sie berichtet unter anderem, wie 1933 erst das Ausflugslokal ihrer Eltern geschlossen, später das von diesen eröffnete Lebensmittelgeschäft boykottiert wurde. 1943 nahmen die Nazis ihre Mutter bei der „Fabrikaktion“ fest, 1944 wurde ihr Vater zur Zwangsarbeit bei der Organisation Todt eingezogen. Sie selbst musste Zwangsarbeit im Reparaturbetrieb von Salamander in Berlin leisten und erzählt von ihren Auseinandersetzungen mit dem Schuhkonzern, der bis heute leugnet, jüdische Zwangsarbeiter_innen beschäftigt zu haben.
Wir freuen uns über Rückmeldungen per Mail an fragt-uns-broschuere[at]web.de

Interview in Antifaschistisches Infoblatt

Interview mit dem Ak „Fragt uns, wir sind die Letzten” in der Zeitschrift Antifaschistisches Infoblatt in der Ausgabe 106 / 1.2015

„Antifaschismus braucht auch eine emotionale Dimension“

Wie ist euer Arbeitskreis entstanden und was habt ihr bisher erreicht?
Unser Arbeitskreis wurde von Aktivist_innen aus dem Umfeld der Antifaschistischen Initiative Moabit [AIM] und der Berliner VVN-BdA gegründet. Wir waren zunehmend mit der Schwierigkeit konfrontiert NS-Überlebende zu finden, die bei unseren Veranstaltungen sprechen. Gleichzeitig lernten wir über die VVN-BdA viele Menschen kennen, deren Lebensgeschichten in der Öffentlichkeit kaum bekannt waren. Wir wollten diese Geschichten sichtbar machen und damit den Überlebenden gleichzeitig auch unseren Respekt bekunden. Auch entsprachen wir mit den Begegnungen dem ausdrücklichen Wunsch vieler Überlebender im Kampf gegen Antisemitismus, Rassismus und Neonazismus heute, auf ihren Erfahrungen aufzubauen. Inzwischen haben wir 25 kommentierte Interviews veröffentlicht. Momentan arbeiten wir an der sechsten Broschüre.

Warum sind Zeitzeug_innen im Antifaschismus so wichtig?
Für den Antifaschismus sind die Verfolgten des NS und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand wichtige Zeit­zeu­g_in­nen können alle sein, aber uns geht es um die Perspektiven der Überlebenden. Menschen, die aus der deutschen Volksgemeinschaft bis zur Vernichtung ausgeschlossen wurden und/oder sich entschieden in verschiedenster Form Widerstand gegen die Nazis zu leisten, begründen unseren Antifaschismus von heute. Ihre Geschichten zeigen die Notwendigkeit und zugleich auch Möglichkeit antifaschistischer Politik. In der politischen Praxis besitzen Überlebende zudem ein einmaliges moralisches Gewicht. Ihre Stimmen verschaffen der Blockade eines Neonazi-Aufmarsches oder der Skandalisierung von Geschichtsrevisionis­mus eine Aufmerksamkeit, die sonst schwer zu erreichen ist.

Ihr schreibt, eines eurer Ziele ist es, marginalisierte Perspektiven sichtbar zu machen. Auch die Geschichts- und Gedenkstättenpädagogik spricht von einer „Multiperspektivität“ auf die Geschichte. Welche Perspektiven sind es, die bis heute kaum Beachtung finden?
Die Geschichte der Marginalisierung von bestimmten Opfer- und Widerstandsgruppen ist lang. Über einzelne Menschen nicht zu sprechen, geht dabei einher mit einem unkritischen Fokus auf auserkorene Ikonen wie Stauffenberg. Der Widerstand von Arbeiter_innen, Juden und Jüdinnen, aber auch von Einzelpersonen wird demgegenüber marginalisiert. Es waren folglich Geschichtswerkstätten und nichtstaatliche Initiativen, die dem antifaschistischen Widerstand und bestimmten Opfergruppen zu einer Stimme verhalfen. Damit trugen sie auch dazu bei, dass einzelne Verfolgte trotz der bundesrepublikanischen Verschleppungspolitik noch materielle Entschädigungen erhielten.
Und dennoch, wer kennt heute schon die Bedeutung des Wortes „Porajmos“, das den Völkermord an den Sinti und Roma bezeichnet? Wer weiß um die lange Geschichte des § 175, nach dem die Nazis 10.000 Homosexuelle in KZs einwiesen und der in der BRD noch zwei Jahrzehnte exzessiv angewandt wurde? Wen interessieren zehntausende Zwangsarbeiter_innen, die nie für das ihnen angetane Unrecht entschädigt wurden? Oder jene Menschen, die im NS als „asozial“ verfolgt wurden und in West- wie Ostdeutschland nicht als Opfer anerkannt, zum Teil sogar noch weiter verfolgt wurden? In diesem Sinne hilft uns die „Multiperspektivität“ dabei, nicht nur die unterschiedlichen Facetten des NS zu beleuchten, sondern auch Kontinuitäten und Überschneidungen zwischen Faschismus und bürgerlichem Rechtsstaat zu thematisieren — was die antifaschistische Perspektive vielleicht letztlich von derjenigen der etablierten Gedenkstätten abhebt.

An der diesjährigen Gedenkveranstaltung in Auschwitz haben nahezu alle europäischen Staatsoberhäupter den Überlebenden gelauscht. Kein deutscher Gast, auch nicht Bundespräsident Joachim Gauck, hat dort gesprochen. Auch „Der Spiegel“ wählte bewusst die ausschließlich zuhörende Form des Protokolls. Es scheint, als hätte Deutschland das Zuhören endlich gelernt und den Ansatz von „Oral History“ begriffen. Wieso braucht es immer noch eine Initiative aus der Antifa und was unterscheidet euch vom „offiziellen Deutschland“ 2015?
Joachim Gauck lauscht andächtig Überlebenden, aber lehnt Entschädigungszahlungen an die Opfer von SS-Massakern wie im griechischen Distomo ab und forderte mehr deutsche Kriege. Das Zuhören verkommt so zur bloßen Symbolik. Diese Heuchelei unterscheidet das Staatsgedenken von einer antifaschistischen Gedenkpolitik. „Oral History“ findet zudem ja in einem Kontext von Herrschaftsabsicherung statt: Was mit dem Gesagten gemacht wird, steht nicht fest, sondern bleibt umkämpft. Es soll sich, wenn es nach Gauck geht, der Inszenierung vom aufgeklärten Deutschland unterordnen, das wieder zu den Waffen greifen darf.
Natürlich gehört das Gedenken an die Opfer des Holocaust längst zur deutschen Identität. Und selbstverständlich wollen wir nicht zurück in die BRD der 1950er Jahre, in der die Feindbilder klarer waren, Politiker mit Nazi-Vergangenheit regierten und über den NS möglichst nicht gesprochen werden sollte. Die komplexe heutige Situation unterstreicht einmal mehr, wie wichtig es für eine antifaschistische Gedenkpolitik ist, Kontinuitäten herauszuarbeiten und so Vergangenheit und Gegenwart herrschaftskritisch in einen Zusammenhang zu bringen.

Überlebende der nationalsozialistischen Vernichtung und Widerstandskämpfer_innen betonen häufig, dass sie mit ihren Erzählungen auch eine Verantwortung an Jüngere weiterreichen möchten. Was können wir aus dem „Erbe“ für die heutige antifaschistische Praxis mitnehmen?
Das ist eine spannende Frage, weil dieser Anspruch tatsächlich sowohl von Überlebenden als auch von jungen Antifaschist_innen oft wie selbstverständlich geäußert wird. Gleichzeitig bleibt meist unklar, was das eigentlich genau ist — dieses antifaschistische Erbe. Für uns waren die Begegnungen mit Verfolgten des NS und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand entscheidende Momente in unserem Leben — nicht nur als Aktivist_innen. Die Erzählungen von Grausamkeit, Ohnmacht und Hoffnung haben uns Holocaust und NS in ihrer Unbegreiflichkeit so eindringlich vor Augen geführt, wie Geschichtsbücher es nicht zu tun vermögen. Dahinter können und wollen wir nicht zurück und das ist ein Grund, warum wir auf unseren Broschüren den Schwur von Buchenwald abdrucken. Es braucht neben der rationalen Überzeugung als Antifaschist_in auch eine emotionale Dimension, die eine abstrakte Formulierung wie „Verantwortung“ konkret werden lässt. Ein aktuelles Beispiel, was wir aus dem „Erbe“ mitnehmen können, sind die Flyer der VVN-BdA, auf der sich Verfolgte des NS mit Flüchtlingen von heute solidarisieren. Aufbauend auf Fluchterfahrungen im Kontext NS wird sich hier klar gegen rassistische Hetze und für ein Bleiberecht positioniert.

Wie sieht für euch eine antifaschistische Erinnerungspolitik der Zukunft aus?
Auch wenn die letzten Zeitzeug_innen gestorben sind, werden ihre Erinnerungen ein wichtiger Referenzpunkt sein. Deshalb ist deren Dokumentation so wichtig. Die Überlebenden, die wir interviewen, berichten zunehmend nicht nur von ihren eigenen Erfahrungen, sondern auch von denen ihrer Eltern. Die zweite Generation wird in Zukunft sicherlich eine Rolle spielen, allerdings nicht in dem Sinne, dass sie einfach für ihre Eltern sprechen kann. Hier wird es eher darum gehen, wie die Traumata innerfamiliär weiter wirken.
Die Auseinandersetzung mit dem NS wird in Zukunft zwangsläufig immer mehr auf der historiographischen Ebene stattfinden. Unsere Aufgabe wird es dabei sein, weiterhin auf die Verantwortung zu verweisen, die sich aus der Geschichte ergibt. Beispiele wie die Anwendung des § 175 werden an Bedeutung gewinnen. Ein weiterer Punkt ist die Entdeutschung antifaschistischer Erinnerungspolitik: Viele Menschen in Deutschland haben (Ur-)Großeltern, die nicht in Nazi-Deutschland lebten. Vielleicht leisteten diese in besetzten Gebieten Widerstand, vielleicht haben sie dort mit der SS zusammengearbeitet, vielleicht litten sie unter der Besatzung oder wurden verfolgt. Oder der NS spielte für sie vordergründig keine Rolle, weil sie zum Beispiel mit den Kämpfen gegen die französische Kolonialmacht beschäftigt waren. Eine zukünftige antifaschistische Erinnerungspolitik, die nur von einer deutschen Perspektive ausgeht, würde sich der gesellschaftlichen Realität verweigern. Das wäre politisch fatal. Wir führen deswegen für jede Broschüre bewusst auch Interviews mit Menschen wie zum Beispiel Dorothea Paley, die als Kind die Blockade Leningrads überlebte, oder Peter Perel, der als jüdischer Ukrainer verfolgt wurde.

Vielen Dank für das Gespräch.

Interview in der analyse & kritik

Interview mit dem Ak „Fragt uns, wir sind die Letzten” in der Zeitschrift analyse & kritik in der Ausgabe vom 18.11.2014

Woher kommt ihr? Wie setzt sich eure Gruppe zusammen?
Im Arbeitskreis sind Einzelpersonen aus Berlin, Leipzig und Freiburg aktiv, die das gemeinsame Anliegen teilen, die Stimmen der letzten Überlebenden aufzuzeichnen. Alle sind aus der Generation der Nachgeborenen und auf die eine oder andere Weise antifaschistisch aktiv. Ursprünglich gründeten Aktive aus dem Umfeld der Berliner VVN-BdA und der Antifaschistischen Initiative Moabit [AIM] den Arbeitskreis, jedoch sind inzwischen viele andere Personen dazu gestoßen.

Was hat euch 2010 auf die Idee gebracht, dieses Projekt zu starten?
Als Antifaschist_innen sind wir in unserer politischen Arbeit zunehmend damit konfrontiert, dass Überlebende der NS-Verfolgung sowie Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand sterben. Ihre Stimme besitzt in politischen Debatten ein einmaliges moralisches Gewicht, nicht nur, wenn es um den Umgang Deutschlands mit den NS-Verbrechen geht, sondern auch wenn aktueller Antisemitismus, Rassismus und Sozialchauvinismus, Neonazismus oder auch Kriegspolitik diskutiert werden. Gleichzeitig haben ihre persönlichen Erzählungen eine besondere Wirkung auf uns: Es sind oft die Geschichten aus dem Alltag von Verfolgung und Widerstand, die einen Bezug zu dem komplexen und unbegreiflichen Thema NS und Holocaust herstellen können. Hierbei geht es uns auch immer darum, die Perspektiven von marginalisierten Opfergruppen wie Sinti und Roma, sogenannten „Asozialen” oder als homosexuell verfolgten Menschen sichtbar zu machen. Außerdem wollten wir sowohl den Arbeiter_innenwiderstand zeigen als auch Widerstandsformen dokumentieren, die nicht in das widerspruchsfreie Bild des Helden passen. Gleichzeitig hatten und haben wir besonders über die VVN-BdA auch Kontakt zu vielen Überlebenden, deren ausdrücklicher Wunsch es ist, ihre Erfahrungen an die nachfolgenden Generationen weiterzugeben. Diesen Wunsch spiegelt ja auch der Titel unserer Broschüre wieder.

Viele der Holocaustüberlebenden wollen oder können über ihr Erlebtes nicht reden. Wie habt ihr eure InterviewpartnerInnen ausgesucht, wie habt ihr sie gefunden und vor allem: Wie habt ihr sie überzeugen können, euch zu vertrauen und mit euch zu sprechen?
Unsere Erfahrungen sind wie schon gesagt andere, viele unserer Befragten wollen von ihren Erfahrungen berichten. Gleichzeitig ist es natürlich so, dass es ein Grundvertrauen zwischen uns und den Überlebenden geben muss. Wir denken, dass wir gerade über unser antifaschistisches Engagement einen gewissen Vorschuss an Vertrauen bekommen. Nicht zuletzt teilen wir ja mit vielen der Befragten eine antifaschistische Praxis bspw. bei Protesten gegen Naziaufmärsche. Nichtsdestotrotz reagieren Überlebende in Gesprächen natürlich völlig unterschiedlich: Manche berichten eher distanziert und stellen den historischen Kontext dar, andere sind sehr emotional und beginnen zu weinen. Das kann auch innerhalb eines Interviews wechseln. Solch eine Begegnung ist nie bloße Dokumentation, sondern wir haben als junge Antifaschist_innen natürlich auch eine soziale Verantwortung.

Mit welchen Erwartungen seid ihr an die Interviews herangegangen? Und was hat sich für euch danach verändert?
Wir sahen es von Beginn an als eine große Chance, im Land der Täter_innen mit Menschen zu reden, die uns davon erzählen können, wie sie selbst als Betroffene Verfolgung und Widerstand erlebt haben. Daran hat sich nichts geändert, aber wir haben dadurch vieles gelernt: über die Schlüsselmomente, in denen zum Beispiel ein als jüdisch Verfolgter zum ersten Mal merkte, dass er, so wörtlich, „anders war als die Anderen“, über die oft scheinbar banalen Gründe, in den Widerstand zu gehen, über die beeindruckende Ausdauer eines antifaschistischen Engagements bis ins hohe Alter, aber natürlich auch, dass Menschen in einem Satz sehr bewegend von ihren Erfahrungen berichten und im nächsten für uns problematische Analysen der Gegenwart präsentieren. Deswegen gehört für uns zur solidarischen Begegnung auch eine gewisse Distanz zum Erzählten und mal Widersprüche auszuhalten.

Jetzt kommt die fünfte Ausgabe von „Fragt uns, wir sind die Letzten.” In einem der Editorials schreibt ihr, dass es die Möglichkeit der Begegnung schon bald nicht mehr geben wird. Wie kann eine Erinnerungspolitik in Zukunft aussehen. Wie stellt ihr euch perspektivisch eure weitere Arbeit vor?
Das ist eine wichtige Frage, die sich aktuell viele Antifaschist_innen stellen müssen und über die nicht zuletzt im vergangenen Jahr in eurer Zeitung im Vorfeld der geschichtspolitischen Konferenz des AK Loukanikos diskutiert wurde. Unser Projekt gilt erst einmal den Überlebenden des NS. Damit meinen wir nicht nur die deutsche Perspektive: Uns ist es wichtig, auch weiterhin Interviews mit Menschen zu führen, die zum Beispiel in den damaligen besetzten Gebieten verfolgt wurden. Wie es danach weitergeht, ist noch offen. Wir diskutieren darüber, uns mit den Jahren nach 1945 zu beschäftigen. Hier interessieren uns Kontinuitäten des NS in BRD und DDR: Schweigen über den Holocaust, Ausgrenzung von Sinti und Roma oder Homosexuellen, Repression gegen Kommunist_innen, Haltungen zu Israel. Gleichzeitig führen wir schon jetzt zunehmend Interviews mit Menschen, die nicht nur von ihren Erfahrungen als Kinder, sondern auch von der Verfolgung ihrer Eltern berichten. Dies ist ein Hinweis auf die Bedeutung der zweiten Generation für eine zukünftige Erinnerungspolitik.

5. Broschüre von „Fragt uns, wir sind die Letzten“ erschienen

Die fünfte Broschüre der Reihe „Fragt uns, wir sind die Letzten.” ist erschienen: Sie enthält Interviews mit Überlebenden, die im NS verfolgt wurden und/oder im Widerstand waren. Ihr könnt die Broschüre hier online herunterladen oder als Print-Ausgabe bei der Berliner VVN-BdA bestellen.
Horst Selbiger erzählt im Interview, wie er als „Geltungsjude” von den Nazis verfolgt wurde, in Berlin Zwangsarbeit leisten musste und nur knapp der Deportation ins KZ entging. Diese wurde durch den „Rosenstraßen-Protest” verhindert, bei dem die „arischen” Ehepartner_innen sogenannter Mischehen die Freilassung ihrer jüdischen Familienmitglieder forderten. Selbiger schildert eindrücklich, wie er die Deportation seiner Geliebten erlebte, und wie ihn diese Erfahrung bis heute nicht loslässt.
Die Brutalität des Vernichtungsfeldzugs der Nazis in Osteuropa wird im Interview mit Peter Perel deutlich. Als Kind einer jüdischen Familie erlebte er den Einmarsch der Wehrmacht und die folgenden Massenerschießungen von Juden und Jüdinnen in seinem ukrainischen Heimatdorf. Perel entkam der Ermordung, indem er seine jüdische Identität verbarg, und wurde wie viele Menschen in den besetzten Gebieten in Osteuropa zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt. Hier überlebte er das KZ Dachau.
Ralf Bachmann wurde als „Halbjude” verfolgt und erlebte die schrittweise Ausweitung der antisemitischen Politik im NS, die schließlich zum Holocaust führte. Er berichtet unter anderem von Boykottaktionen, den Novemberpogromen 1938, von der Deportation seiner Mutter ins KZ Theresienstadt sowie schließlich von der Verpflichtung seines Bruders und seines Vaters zur Zwangsarbeit.
Im Gespräch mit Lore Diehr werden Erfahrungen und Alltag im antifaschistischen Widerstand sichtbar. Sie wuchs als Kind einer sozialdemokratischen Familie auf und musste schon 1933 die Inhaftierung ihres Vaters im KZ Sonnenburg erleben. Der Laden ihrer Mutter entwickelt sich fortan zu einer Anlaufstelle für den Widerstand, den sie mit vielfältigen Aktionen unterstützte.
Die Blockade von Leningrad im Zweiten Weltkrieg war eines der schlimmsten Verbrechen der Wehrmacht im Vernichtungsfeldzug gegen die Sowjetunion. Dennoch ist sie im erinnerungspolitischen Diskurs in Deutschland kaum präsent. Dorothea Paley überlebte die Blockade als Kind und berichtet im Interview von den dramatischen Zuständen in Leningrad.
Es geht darum, die Perspektiven von Verfolgten und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand zu bewahren und sichtbar zu machen. Der Arbeitskreis „Fragt uns” möchte aus den Erfahrungen der Überlebenden Konsequenzen für unser Denken und Handeln heute ziehen und sich gegen eine Erinnerungskultur einsetzen, die auf ein „unverkrampftes Verhältnis zur Nation” oder die Rechtfertigung deutscher Kriegsbeteiligung abzielt. Die geschilderten Verfolgungs- und Widerstandsgeschichten sind als Appell zu verstehen, sich Neonazis und menschenfeindlichem Gedankengut in der Gesellschaft entgegenzustellen und für emanzipatorische Ideen einzutreten. In diesem Sinne stellt die Broschüre auch eine Aufforderung zum Aktiv-Werden dar.
Wir freuen uns über Rückmeldungen per Mail an fragt-uns-broschuere[at]web.de

Wir gedenken Sonja Kurella-Schwarz

Anfang Oktober 2013 verstarb Sonja Kurella-Schwarz im Alter von 89
Jahren. Wir lernten Kurella-Schwarz im Frühjahr 2013 durch ein Interview
für die vierte Ausgabe unserer Broschüre kennen, in dem sie uns von
ihrem Leben als Teil des antifaschistischen Widerstands im NS
berichtete. Unser Beileid gilt ihren Angehörigen und Freund_innen,
unsere Trauer der Verstorbenen.

4. Broschüre von „Fragt uns, wir sind die Letzten“ erschienen

Der Arbeitskreis „Fragt uns, wir sind die Letzten“ besteht aus Menschen aus verschiedenen antifaschistischen Zusammenhängen, die sich aktiv mit der Geschichte des NS auseinandersetzen. Uns geht es darum, die Perspektiven von Verfolgten und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand zu bewahren und sichtbar zu machen. Seit 2010 veröffentlichen wir deswegen jährlich eine Broschüre mit Interviews mit Überlebenden. Nun ist die vierte Broschüre erschienen und wie die ersten drei online oder als Print-Ausgabe bei der Berliner VVN-BdA erhältlich.

Erwin Widschwenter (geb. 1908 in Tirol, gest. 2009 in Linz) berichtet von seiner Inhaftierung als Homosexueller durch die Nazis und der Diskriminierung unter amerikanischer Besatzung und in der Republik Österreich. Sonja Kurella-Schwarz (geb. 1924 in Leipzig) erzählt, wie sie als Kind den Widerstand ihrer kommunistischen Eltern unterstützte und die Hinrichtung ihres Vaters durch die Nazis erlebte. Auch Peter Neuhof (geb. 1925 in Berlin) musste als Jugendlicher die Ermordung seines Vaters und die Deportation seiner Mutter ins KZ erleiden. Nur durch großes Glück überlebte er als „Halbjude“ die systematische Verfolgung durch das NS-Regime. Klaus Ulrich Rabe (geb. 1926 in Zwenkau bei Leipzig) berichtet ebenfalls von seiner Verfolgung als „Halbjude“ und wie er zur Zwangsarbeit nach Frankreich verschleppt wurde. Anna Szelewicz (geb. 1925 in Wólka Sobieszynska) schließlich erzählt, wie sie nach der Besetzung Polens durch die Wehrmacht und die Rote Armee zunächst zur Zwangsarbeit in ein sowjetisches Arbeitslager verschleppt wurde. Später kämpfte sie an der Seite der Roten Armee gegen die Nazis.

Uns geht es nicht darum, die Vergangenheit zu „bewältigen“ oder mit ihr abzuschließen. Vielmehr möchten wir marginalisierte Perspektiven sichtbar machen und aus den Erfahrungen der Überlebenden Konsequenzen für unser Denken und Handeln heute ziehen. Wir erheben dabei nicht den Anspruch, alle unterschiedlichen Formen der NS-Verfolgung darzustellen und die vielfältigen Erfahrungen und Sichtweisen von Verfolgten und Menschen aus dem Widerstand repräsentativ abzubilden. Die geschilderten Verfolgungs- und Widerstandsgeschichten verstehen wir als Appell, sich Neonazis und menschenfeindlichem Gedankengut in der Gesellschaft entgegenzustellen und für emanzipatorische Ideen einzutreten. In diesem Sinne stellt die Broschüre auch eine Aufforderung zum Aktivwerden dar.

Wir freuen uns über Rückmeldungen per mail an fragt-uns-bro­schue­re[at]web.​de

14.10. Kufa Moabit: Second Generation in the UK – eine Veranstaltung mit Kindern von NS-Überlebenden

Sonntag, 14. Oktober 2012 / 15 Uhr
Kulturfabrik Moabit / Lehrter Str. 35 (nahe Hauptbahnhof)

Die Referentinnen Irene Fick und Merylin Moos wurden beide in England als Kinder von Antifaschist_innen geboren, die aus Nazi-Deutschland geflohen waren. Moos erfuhr erst nach dem Tod ihrer Eltern deren wahre Geschichte. In ihrem Vortrag berichtet sie über das Schweigen ihrer Eltern sowie deren Arbeit als aktive Mitglieder der KPD. Eindrucksvoll fügt sie die einzelnen Puzzleteile zu einer Geschichte zusammen, die beim Kampf für die kommunistische Revolution in der Weimarer Republik beginnt, von der Flucht nach dem Reichstagsbrand 1933 erzählt und schließlich bei der Enttäuschung vom Stalinismus und der Resignation im Exil endet. Fick gibt darüber hinaus einen Einblick in ihre heutige Arbeit in Großbritannien als Angehörige der zweiten Generation. Beide werfen die drängende Frage auf, wie ohne Zeitzeug_innen die Erinnerung an die Verbrechen Nazi-Deutschlands bewahrt werden kann. Der Vortrag wird in Englisch und Deutsch gehalten, eine individuelle Übersetzung ist möglich.

Eine Veranstaltung vom AK „Fragt uns, wir sind die Letzten“ und der Antifaschistischen Initiative Moabit im Rahmen der Mobilisierung zur Gedenkkundgebung und -demonstration am 9. November 2012 in Moabit.

Mehr Infos: http://fragtuns.blogsport.de/ und http://aim-berlin.de.vu/
Facebook: http://www.facebook.com/events/447976411919517/permalink/447976431919515/

3. Broschüre von „Fragt uns, wir sind die Letzten“ erschienen

Der Arbeitskreis „Fragt uns, wir sind die Letzten“ besteht aus Menschen aus verschiedenen antifaschistischen Zusammenhängen, die sich aktiv mit der Geschichte des NS auseinandersetzen. Uns geht es darum, die Perspektiven von Verfolgten und Menschen aus dem antifaschistischen Widerstand zu bewahren und sichtbar zu machen. Seit 2010 veröffentlichen wir deswegen jährlich eine Broschüre mit Interviews mit Überlebenden. Nun ist die dritte Broschüre erschienen und wie die ersten beiden online oder als Print-Ausgabe bei der Berliner VVN-BdA erhältlich.

Ursula Mamlok (geb. 1923 in Berlin) erzählt wie die Musik ihr als jüdisches Kind dabei half, die Flucht von Berlin nach Ecaduor zu überstehen. Jelena Kadenić (geb. 1921 in Bovi) und Radoslav Derić (geb. 1927 in Prnjavor) berichten von ihrem Kampf im ehemaligen Jugoslawien gegen die deutsche Besatzung und Kolloboration. Fritz Sternhell (geb. 1924 in Wien) beschreibt die Situation als jüdisches Kind in Österreich, wie er mit einem Kindertransport nach England kam und schließlich in die britische Armee ging. Lore Sternhell (geb. 1930 in Ruhla) berichtet von ihrer Flucht als Kind kommunistischer Eltern nach Prag und später nach Schottland. Wilhelm Reinhardt (geb. 1938 in Idar-Oberstein) schließlich erzählt wie er als Sinto in einem Kinderheim versteckt wurde und bis heute von antiziganistischen Übergriffen betroffen ist.

Uns geht es nicht darum, die Vergangenheit zu »bewältigen« oder mit ihr abzuschließen. Vielmehr möchten wir aus den Erfahrungen der Überlebenden Konsequenzen für unser Denken und Handeln heute ziehen und uns gegen eine Erinnerungskultur einsetzen, die auf ein »unverkrampftes Verhältnis zur Nation« oder die Rechtfertigung deutscher Kriegsbeteiligung abzielt. Wir sehen die geschilderten Verfolgungs- und Widerstandsgeschichten als Appell, sich Neonazis und menschenfeindlichem Gedankengut in der Gesellschaft entgegenzustellen und für emanzipatorische Ideen einzutreten. In diesem Sinne stellt die Broschüre auch eine Aufforderung zum Aktiv-Werden dar.

Wir freuen uns über Rückmeldungen an: fragt-uns-broschuere[at]web.de